23.3.15

[ #bildende-kunst ] Substanzlos: Religion ohne Auferstehung

Das Benno-Ohnesorg-Gedenkrelief "Tod des Demonstranten" (Berlin, Bismarckstraße, neben Deutscher Oper, Eingang zum U-Bhf) zeigt zwei Männer, einen Schlagstock in der Hand haltend, die einen halbnackten Menschen kopfüber aufs Pflaster drücken. 

Es trägt die Inschrift: "Am 2. Juni 1967 wurde der Student Benno Ohnesorg im Hof des Hauses Krumme Straße 66 während einer Demonstration gegen den tyrannischen Schah des Iran von einem Polizisten erschossen. Sein Tod war ein Signal für die beginnende studentische und außerparlamentarische Bewegung, die ihren Protest gegen Ausbeutung und Unterdrückung besonders in den Ländern der Dritten Welt mit dem Kampf um radikale Demokratisierung im eigenen Land verband". Unter diesem Eindruck schuf Alfred Hrdlicka 1971 das Relief "Der Tod des Demonstranten" im Dezember 1990.


Das Schaffen Alfred Hrdlickas sei vom "Interesse an der Liebe, am menschlichen Begehren nach dem Religiösen, nach dem Anderen, nach dem Übersteigen der Realität" geprägt. Obwohl Hrdlicka bekennender Atheist blieb, akzeptiere er die Religion als System, ja halte sie für "unentbehrlich", sagte der Jesuit und Kunstexperte Friedhelm Mennekes, der in Köln die renommierte Kunststation St. Peter leitet, in einem Interview. Menneke erinnerte sich an eine Ausstellung, die er mit dem Bildhauer gemacht habe: Hrdlicka habe eine zwölf Meter hohe Inszenierung vom "Tod des Demonstranten" geschaffen, bei der eine klassische Kreuzigungsgruppe auf die Auferstehung verweise. "Ich habe ihn dann gefragt: Sie stellen die Auferstehung dar, und Sie glauben doch gar nicht!", so Mennekes. Hrdlickas Antwort: "Religion ohne Auferstehung, da fehlte ja die Substanz!"

Der 2. Juni 1967 markiert in Deutschland den Beginn der Studentenrevolte. An diesem Tag wurde während der Demonstration gegen den Schah-Besuch der Germanistikstudent Benno Ohnesorg von einem Polizisten in einem Hinterhof gestellt und erschossen. Doch die Stimmung im Berlin der mittsechziger Jahre war so aufgeheizt, dass die Eskalation der Situation auch schon früher hätte eintreten können. Im Wintersemester 1966/67 organisierten die "Antiautoritären" im Dezember vor dem Café Kranzler ein "Weihnachtshappening": Sie verbrannten die Pappköpfe von Walter Ulbricht und Lyndon B. Johnson gemeinsam mit den Flaggen der USA und der UdSSR und einem geklauten Tannenbaum. Diese Aktion wurde offenbar als so provozierend empfunden, dass innerhalb von einer Viertelstunde mehrere Einsatzwagen der Polizei mit insgesamt 300 Polizisten anrückten. Sie schwangen den Gummiknüppel und nahmen 63 Personen fest. Doch die Ordnungshüter hatten zu großes Geschütz für den letztlich kleinen Gegner aufgefahren. In kurzer Zeit solidarisierten sich viele Berliner Studenten – auch relativ unpolitische und sogar Anhänger der CDU-nahen Studentenorganisation RCDS – mit ihren verprügelten und verhafteten Kommilitonen.


In diese Situation hinein kam der Schah-Besuch. Etwa 2000 Studenten demonstrierten gegen den persischen Monarchen, der sein Land in feudaler Alleinherrschaft - mit Hilfe der brutalen Geheimpolizei SAVAK - regierte. Die diktatorische Unterdrückung des persischen Volkes war nur ein Teil des Protestes, der andere Teil war die Tatsache, dass das persische Volk trotz des (Öl-)Reichtums des Schahs unter schlechter medizinischer Versorgung, einer hohen Kindersterblichkeit, Hunger und Armut litt.

Die US-Administration hatte mithilfe des CIA 1953 die demokratisch gewählte Mossadeq-Regierung im Iran zu Fall gebracht, welche die britische Ölgesellschaft verstaatlicht hatte, was zu einem Vierteljahrhundert repressiver und diktatorischer Marionettenherrschaft durch den Schah Mohammed Reza Pahlevi führte. Der Schah war den Deutschen durch die Yellow-Press bekannt. Er war in erster Ehe mit Soraya (der Tochter des iranischen Botschafters in der BRD und einer Deutschen) verheiratet. Die Boulevardpresse berichtete täglich über dieses 1001-Nacht-Märchen, besonders als er Soraya wegen des fehlenden Thronfolgers 1958 fallen ließ. Im Gegensatz zu der orientalischen Märchengestalt auf dem Pfauenthron führte der Schah ein autoritäres Regierungssystem, das sich im Innern auf die gefürchtete Geheimpolizei "Savak" stützte. Auch die enorm aufgerüstete Armee kam wiederholt als innenpolitisches "Befriedungsinstrument" zum Einsatz. Trotz weltweiter Proteste genoss er weiterhin die Unterstützung der USA und Westeuropas und wurde erst im Jahr 1979 von der von ihm provozierten "islamischen Revolution" gestürzt.

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