14.10.14

[ #bildende-kunst ] Der erste WC der Kunstgeschichte

Der funktionale Ausstellungstrakt der Wiener Secession stellt seine besondere Raumqualität bis heute unter Beweis. Rund hundert Jahre später gilt die 1898 erbaute Secession als erster "White Cube"  (Abkürzung sinnigerweise "WC"), als erster neutraler Ausstellungsraum der Kunstgeschichte. 

Seine ästhetischen Wurzeln hat der White Cube in der Architektur der Moderne, die die nackte, weiße Wand als Überwindung des Historismus propagierte. Der englische Begriff "white cube" (weißer Würfel), eingeführt von Brian O'Doherty, bezeichnet den modernen, weiß gestrichenen Galerieraum. Er entstand im 20. Jahrhundert nach den verspielten Kunstsalons des 19. Jahrhunderts als neutraler Ort für eine moderne, nicht mehr gegenständliche oder Geschichten erzählende Kunst.



Allerdings war und ist er nie so neutral wie behauptet. Erstens ist auch ein weißer Raum ein spezifischer architektonischer Raum. Und zweitens sind besonders die bekannten weißen Räume Institutionen, also mächtige Orte, die darüber bestimmen, was Kunst ist - und was nicht. Die Kunst der Moderne ist aber ohne die Existenz des "White Cube", eines Ausstellungsraumes, der sich mit größtmöglicher Zurückhaltung den Kunstwerken unterordnet und ihre ästhetische Wirkung unterstützen soll, schwer denkbar. Er ist der zentrale Angelpunkt einer Auffassung von Kunst, die sich unabhängig von einem politischen, ökonomischen oder sozialen Umfeld wähnt und sich auf kunstimmanente Fragen zu beschränken sucht.



Die Existenz des "White Cube" (Abkürzung sinnigerweise "WC" und ebenso schattenlos, weiß, clean und künstlich) als Prototyp des modernen Ausstellungsraums wirkt auf die Kunst zurück. Viele Werke setzen mittlerweile sogar dessen Existenz voraus. Die Werke des Minimalismus fielen vermutlich gar nicht auf, befänden sie sich in überfüllten Räumen mit einem reichen Angebot an Formsprachen, Mustern, Materialien etc. Nur in einer Umgebung, in der bereits geringe Differenzen wahrgenommen werden und in der das Auge nichts sonst hat, was es ablenkt oder unterhält, kann auch eine genügend große Sensibilität entstehen, um ein Werk des Minimalismus interessant zu finden bzw. um über elementare Formen nachzudenken.

Das aber bedeutet auch: Die Autonomie des Kunstwerks wird durch den "White Cube" infragegestellt: War dieser ursprünglich dazu da, das Werk in seiner Autonomie zu achten und es deshalb von ihm fremden Kontexten freizuhalten, so haben sich mittlerweile viele Künstler so stark auf ihn als Ausstellungsraum eingestellt, dass ihre Arbeit davon abhängig wird bzw. diesen benötigt, um sich entfalten zu können. Die Freiheit von fremden Kontexten, die er garantieren sollte, ist selbst zum Kontext geworden – zu einer bereits vorausgesetzten – zur künstlerischen Arbeit hinzugedachten – Umgebung. Die Präsentationsflächen des "White Cube" werden selbst zum Bildbestandteil.

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