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18.4.15

[ #dichtung ] Heilige Muse


Jeanne d'Arc, das ist der Stoff aus dem die Dramen sind - dies lässt sich sicherlich behaupten, wenn man die Lebensumstände dieser Heiligen betrachtet: ein schwachsinniger König, Mord im Herrscherhaus, hundert Jahre Krieg, himmlische Stimmen, Verrat, Inquisition, Prozess, Scheiterhaufen. 

Weit über 2000 Werke zählt man in der Literatur, die sich mit der Geschichte des lothringischen Bauernmädchens befassen. Ihre außergewöhnliche Bedeutung hat Jeanne d'Arc, Johanna von Orléans, Jungfrau von Orléans für Historiker, Theologen und vor allem Schriftsteller.



Auch die Filmkunst beschränkte sich nicht. Jeanne D'Arc, von Sandrine Bonnaire und Jacques Rivette als glaubwürdige Gegenwartsfigur entwickelt, unvergesslich verkörpert durch Marie Falconetti in Dreyers "La Passion de Jeanne d'Arc", zu denen auch Ingrid Bergman, Jean Seberg, Michèle Morgan oder - ebenfalls zu Stummfilmzeiten - die amerikanische Sängerin Geraldine Farrar gehörten. Selbstredend war Jeanne d' Arc auch ein beliebtes Motiv der Bildenden Künstler.


Wissenschaftliche Thesen, psychologisierende Deutungen, Spott- und Verherrlichungsgedichte, Dramen - im deutschen Sprachraum ist Schillers "Die Jungfrau von Orléans" das bekannteste - und vieles mehr folgten in großer Zahl. Ihre "Heldentaten", der Prozess und ihre Religiosität gingen in die Weltliteratur ein, z. B. in Dramen wie "Die Jungfrau von Orleans" (1801) von Friedrich von Schiller, "Saint Joan" (1923, Die heilige Johanna) von George Bernard Shaw und "L’Alouette" (1953, Jeanne oder die Lerche) von Jean Anouilh. Der französische Komponist Arthur Honegger griff den Jeanne-d’Arc-Stoff in seinem Oratorium "Jeanne d’Arc au bucher" (1938, Johanna auf dem Scheiterhaufen) auf. Der amerikanische Schriftsteller Mark Twain schrieb die Biographie "The Personal Recollections of Joan of Arc" (1896, Persönliche Erinnerungen an Jeanne d’Arc), und Voltaire gedachte ihrer in seinem Erzählgedicht "La pucelle d’Orléans" (1755, Die Jungfrau von Orleans); freilich ist sie dort in Zeiten der Aufklärung nur eine derbe Magd, die den Männern als Lustobjekt dient und um ihre Unschuld kämpfen muss.


Bertolt Brecht setzt sich gleich in drei Werken mit der Jungfrau von Orleans auseinander. Am bekanntesten ist wohl "Die Heilige Johanna der Schlachthöfe", das zwar 1929 geschrieben aber erst 1959 zum ersten Male aufgeführt werden konnte.

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28.12.14

[ #satire ] Die Umkehr der bürgerlichen Erzählungen: Offenbachiaden

In Jacques Offenbachs Theaater, der "Bouffes-Parisiens" entstehen etliche "Komische Opern", wie "Opéra Bouffe" wörtlich heißt, oder eben "Operette". 

Die auffälligsten Merkmale der Operette sind der heitere Charakter, der die Musik sowie die gesprochenen Dialoge prägt. Diese Form der Darbietung ist entstanden aus der komischen Oper, und schon seit dem 17. Jahrhundert wurden mit Operette Bühnenwerke bezeichnet, die zwischen die einzelnen Akte einer Oper eingefügt wurden. Im 18. Jahrhundert wurde der Begriff Operette für deutsche Übersetzungen von italienischen Opere buffe und Intermezzi ebenso gebraucht wie für französischen Vaudevilles und Opéras-comiques.


Offenbachiade. Offenbachs "Komische Opern" zeichnen sich durch die satirische Überzeichnung von Charakteren der Zeit unter Napoleon III. aus. Musikalisch und dramaturgisch stammt sie von der alten Opéra Comique und entwickelt sich unter den spezifischen Bedingungen des zweiten Kaiserreiches in Paris. Unter dem Begriff "Offenbachiade" bürgert sich sogar ein Wort für die Vorliebe des Komponisten ein, die Handlung in der antiken Sagenwelt spielen zu lassen. Die Offenbachiade nimmt nichts ernst und enthält immer aktualitätsbezogene Satire, typisiert sie aber zeitübergreifend. Unvergleichlich sind seine karikierende Darstellung alles Militärischen.

Zwar gilt Offenbach als der "Erfinder" der Operette, doch unterscheiden sich seine Operetten von dem heute wie damals als Operette vermarkteten Genre so sehr, dass Karl Kraus für Offenbachs Werke den Begriff "Offenbachiaden" prägte. Damit wollte er deutlich machen, dass Offenbach der einzige Vertreter dieses Genres sei.


Satire. Karikatur, Parodie und Persiflage gehören wesensmäßig zum Element der Offenbachiade. Sie macht sich aber beileibe nicht nur lustig, vielmehr kehrt sie das Untere nach oben und ergreift Partei für die Zukurzgekommenen. So karikiert Offenbach seinen Regenten und das Britische Empire gleichermaßen in "Die schöne Helena". Obendrein ein Schlüsselwerk Offenbachs, da er für die Uraufführung endlich seine Traumheldin findet: Hortense Schneider spielt seit diesem Jahr 1864 in seinen Produktionen die weibliche Hauptrolle.


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14.12.14

[ #literatur ] Russisches Roulette: Hinrichtung als Folter


"Heute ... wurden wir alle nach dem Semjonower Platz gebracht. Dort verlas man uns das Todesurteil, ließ uns das Kreuz küssen, zerbrach über unseren Köpfen den Degen und machte uns die Todestoilette (weiße Hemden). Dann stellte man drei von uns vor dem Pfahl auf, um das Todesurteil zu vollstrecken. Ich war der sechste in der Reihe; wir wurden in Gruppen von je drei Mann aufgerufen, und so war ich in der zweiten Gruppe und hatte nicht mehr als eine Minute noch zu leben ... Ich hatte noch Zeit, Pleschtschejew und Durow, die neben mir standen zu umarmen und von ihnen Abschied zu nehmen. Schließlich wurde Retraite getrommelt, die an den Pfahl Gebundenen wurden zurückgeführt, und man las uns vor, dass seine Kaiserliche Majestät uns das Leben schenkte."


Auf der Hinrichtungsstätte wird Dostojewskij und den anderen am 22. Dezember 1849 die Umwandlung des Todesurteils in vierjährige Zwangsarbeit in Sibirien verkündet. Es war eine förmliche Begnadigung durch den Zaren in Form einer Strafmilderung: Vier Jahre Zwangsarbeit und vier Jahre Militärdienst in Sibirien. Am 24. Dezember 1849 machten sich Dostojewskij und seine Gefährten in Ketten und bei zwanzig Grad Kälte auf den Weg nach Sibirien, zuerst nach Tobolsk und vom 23. Januar 1850 war er in Festungshaft in Omsk. Mitte Februar 1854 wurde Dostojewski aus der Festung Omsk entlassen und für weitere vier Jahre Dienst als Soldat des 7.Grenzbataillons nach Semipalatinsk abkommandiert. Erst im November 1859, nach zehn Jahren Abwesenheit, kehrte Dostojewski nach Petersburg zurück.


 1869, zwanzig Jahre nach seinem Todesurteil, vollendete Fjodor Michailowitsch Dostojewski seinen Roman "Der Idiot". Darin heißt es: "Vielleicht gibt es sogar jemanden, dem sein Todesurteil schon mal verlesen worden ist und dem man dann gesagt hat: Mach, dass du wegkommst, du bist begnadigt. Der könnte wohl einiges erzählen." Er verarbeitet darin die Scheinhinrichtung literarisch, in dem er Fürst Myschkin von einem Mann berichten lässt, der ebenfalls Opfer einer fiktiven Exekution wird. "Er erinnerte sich an alles mit außerordentlicher Klarheit und sagte, er werde von diesen Minuten nie etwas vergessen." Das gilt auch für den zu dieser Zeit 28-jährigen Dichter. Die traumatische Erfahrung der Todesgewissheit prägt, hinterlässt tiefe Spuren und gibt dem Leben eine andere Wendung. Dostojewskij beurteilte später Victor Hugos "Der letzte Tag eines Verurteilten" als einen der besten Romane der Literaturgeschichte, denn Hugo habe, inspiriert allein durch den Anblick des Schafotts in seiner Jugend, diese Situation trefflicher und menschlicher zu schildern vermocht, als er selbst jemals in der Lage gewesen wäre, dies zu tun.

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28.9.14

[ #dichtung ] Free mp3: Dichter am Herbst

Bekannte Herbstgedichte zum Anhören als kostenlose MP3-Dateien präsentiert von dtv und dem Literatur-Café im Internet: Alle Herbstgedichte sind der umfassendsten Sammlung "Deutsche Lyrik von den Anfängen bis zur Gegenwart" (Killy, Walther Hrsg., dtv) entnommen.  Von Rilke bis Trakl ist alles dabei!



Gezeigt wird in diesem Werk die ganze Breite der jeweils zeitgenössischen Produktion: Neben dem Kunstgebilde steht Gebrauchspoesie, neben dem Bekannten das zu Recht oder Unrecht Vergessene. Übersetzungen, Erläuterungen, Quellenverzeichnisse und Register sind den insgesamt 10 Bänden beigefügt. Die Gedichte, die als Hördateien in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Taschenbuch Verlag vom Literatur-Café im Internet kostenlos für den privaten Gebrauch zum Download angeboten werden, sollen Sie akustisch durch den literarischen Herbst begleiten.

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Diese Gedichte gibt es zum Download:
  • Rainer Maria Rilke (1875-1926) Herbsttag (1:19 Min. - 1,3 MB) »Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.«
  • Eduard Mörike (1804-1875) Septembermorgen (1:19 Min. - 1,3 MB)
  • Johann Wolfgang Goethe (1749-1832) Im Herbst (1:29 Min. - 1,4 MB)
  • Friedrich Hölderlin (1770-1843) Hälfte des Lebens (0:42 Min. - 0,7 MB)
  • Friedrich Wilhelm Nietzsche (1844-1900) Der Herbst (2:14 Min. - 2,1 MB)
  • Cäsar Flaischlen (1864-1920) Laub am Boden (1:06 Min. - 1,6 MB)
  • Friedrich Rückert (1788-1866) Herbsthauch (1:06 Min. - 1,1 MB)
  • Johann Ludwig Tieck (1773-1853) Herbstlied (1:57 Min. - 1,9 MB)
  • Andreas Gryphius (1616-1664) Abend (1:24 Min. - 1,4 MB)
  • Theodor Fontane (1819-1898) Herbstlied (1:52 Min. - 1,8 MB)
  • Theodor Storm (1817-1888) Knecht Ruprecht (2:18 Min. - 2,2 MB)
  • Georg Trakl (1887-1914) Aus dem Nachlass (1:17 Min. - 1,3 MB)

3.9.14

[ #geschichte ] Oberschichtgeschichten.


Die Legende berichtet, dass Napoleons Mutter am 15. August 1769 auf Korsika auf einem Teppich mit Schlachtenszenen aus Homers Ilias niedergekommen sei. Diese heroischen Bilder seien die ersten Eindrücke der Welt gewesen. Ilias erhält aber beim Karriere-Ende Napoleons Bedeutung.



"Bellerophon" war der Name des Schiffes, mit dem Napoleon nach St. Helena verbracht wurde. Die Sage von Bellerophon wird von Homer in der Ilias ausführlich geschildert: Der korinthische Heros Bellerophontes lebte am Hofe des Königs Proitos. Dessen Frau Stheneboia liebte ihn. Von Bellerophontes zurückgewiesen, verleumdete sie ihn bei Proitos, worauf dieser Bellerophontes zu seinem Schwiegervater Iobates nach Lykien schickte, um ihn töten zu lassen. Bellerophontes bestand jedoch mit Hilfe des Flügelrosses Pegasos die ihm von Iobates aufgetragenen Kämpfe gegen die Chimaira und die Amazonen erfolgreich. Das goldene Zaumzeug, mit dem er Pegasos bändigen konnte, hatte er von Athena erhalten. Bellerophontes rächte sich an der Frau des Proitos und versuchte später, mit Pegasos in den Himmel zu reiten. Zur Strafe stürzte er ab.


Homers Epos vom "Zorn des Achilleus", die Ilias, ist einer der großen Klassiker der Weltliteratur. Homer ist der erste Dichter des Abendlands, von dem wenigstens ein vollständiges Werk erhalten ist: die "Ilias". Damit beginnt im Abendland die Textualität und die Literatur. Tieferer Inhalt ist ein Wertewandel in einer von wirtschaftlichem und kulturellem Aufschwung geprägten Gesellschaft, für welche die herkömmlichen adligen Normen nicht ohne weiteres beibebehalten werden konnten – ein Wandel, von welchem just Homers Zuhörerschaft - die Oberschicht - betroffen war. Die Welt unterhalb des Adels kommt nur als Hintergrund vor. Die Perspektive ist immer die des gehobenen Standes, die des Adels. Das Niedere, Banale und Vulgäre ist daher ausgeklammert.


Die griechischen Schriftsteller, Rhetoren, Geschichtsschreiber stammten alle aus der Oberschicht. Sie schrieben nicht, weil sie ihren Unterhalt damit verdienen mussten. Sie schrieben für ihresgleichen: Adel dichtete für Adel. Ihre Vorfahren, wie sie bei Homer erscheinen, lebten auf Landgütern, gingen auf die Jagd und reisten viel. Sie verfügten in ihren Herrenhäusern über alle Errungenschaften der Kultur, des Luxus und der Moden. Dazu gehörte natürlich auch der Vortrag der alten Heldenlieder. Der Aoidos improvisierte dabei seine Texte in Versform und begleitete sich mit Akkorden auf der Phorminx, einem Saiteninstrument. Das Besondere an Homer: Er war wohl der erste griechische Sängerdichter, der seine Hexameterverse niederschrieb. Die Alphabet-Schrift hatten die Griechen erst wenige Jahrzehnte vor Homers Geburt von den Phöniziern übernommen und an ihre Sprache angepasst. Seit ihrer Entstehung (um ~700 v. Chr.) beeinflussten die beiden Epen Ilias und Odyssee den ganzen antiken und neuzeitlichen westlichen Kulturkreis.

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23.8.14

[ #antisemitismus ] Taufe ohne Segen

Als Segen für die Kindheit und Jugend durfte der in Düsseldorf am 13.Dezember 1797 geborene Heinrich (Harry) Heine die Eroberung der Rheinlande durch die französische Revolutionsarmee begreifen. Denn mit dieser Armee wurde in den eroberten Gebieten der Code Civil eingeführt, der Juden zu gleichberechtigten Mitgliedern der bürgerlichen Gesellschaft machte. 

Eigenartig ist, dass Heine als deutscher Jude den Namen Harry erhielt. Sein Vater übernahm diesen englischen Namen von einem Freund. Unter diesem Namen wird er auch vom Rabbiner in das Buch der Gemeinde eingetragen. Beide Elternteile entstammten wohlhabenden jüdischen Familien, die den Hoffaktoren angehörten. Das ist auch der Grund, warum beide bestimmte Privilegien inne hatten, wie zum Beispiel Ghettofreiheit.

Unfreiheit statt Befreiung. 1814, nach den so genannten "Befreiungskriegen", büßten die preußisch gewordenen Rheinprovinzen die allgemeine Rechtsgleichheit wieder ein, die Juden wurden erneut zu Bürgern zweiter Klasse. Nach 1815 trat jetzt erstmals eine Kritik an der Emanzipation der Juden an die Öffentlichkeit und wurde zu einem Faktor im politischen und geistigen Prozess: Traditionelle Antipathie gegen Juden und neue, die sich an bestimmte Tendenzen im radikalen, neuen demokratischen Nationalismus anschließt, Fremdenhass und Identitätsangst im "christlich-teutschen" Kreis sind dafür so charakteristisch wie judenfeindliche (Hepp, Hepp!) Krawalle von Bauern und kleinen Bürgern 1819, eine Art Revolte der alten gegen die neue Zeit, Kehrseite der sozialen Wandlungen in einer Krise und auch Ausdruck der Unzufriedenheit gegenüber den Regierungen.


Makel der Taufe. Ab 1822 verschärfte sich in Preußen der Rechtsdruck. Man hob das Judenedikt von 1812 wieder auf. Mit dem Edikt betreffend die bürgerlichen Verhältnisse der Juden in dem Preußischen Staate vom 11. März 1812 wurden die in Preußen lebenden Juden Inländer und preußische Staatsbürger. Es blieb aber mit seiner unvollständigen Emanzipation der jüdischen Mitbürger hinter der napoleonischen Judeemanzipation zurück. 1823 schloss man sogar Synagogen. Reformen waren unmöglich geworden. Der Student der Rechte Heine krönte sein Studium folgerichtig mit einer christlichen Taufe. Die Konversion zum Protestantismus sollte ihm das "Entréebillet zur europäischen Kultur" verschaffen. Vergebens. Der junge Mann, wie auch der reife und der alternde – sie wurden in Deutschland den Makel der Geburt nie los. Der Makel der Taufe trat hinzu: "Ich bin jetzt bey Christ und Jude verhasst. Ich bereue sehr, dass ich mich getauft hab" – so Heine 1826.

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24.7.14

[ #literatur ] Viehhüten gegen Leseschwäche.

Anna Louisa Karsch, die "Karschin", die erste deutsche Dichterin aus dem vierten Stand, wird am 1.12.1722 als Tochter des Wirtshauspächters Dürbach auf der abgelegenen Meierei "Hammer" bei Züllichau im nördlichen Schlesien geboren. 

Den liebenden Vater früh verlierend, verbringt sie eine leidvolle Kindheit. Einzig vier glückliche Jahre lebt sie bei einem Onkel, der ihr Lesen und Schreiben beibringt.  Kurz nachdem ihr Onkel begonnen hatte, ihr Grundkenntnisse in Latein zu vermitteln, forderte ihre mittlerweile wiederverheiratete Mutter sie als Magd und Wärterin der Geschwister zurück. Während sie Rinder zu hüten hatte, las sie die alten deutschen Volksbücher, Märchen aus Tausendundeiner Nacht und den "Robinson Crusoe".


Die Karschin, so genannt in der im 18. Jahrhundert noch üblichen weiblichen Form des Familiennamens, war die einzige deutsche Dichterin der Aufklärung, die ihr Ansehen weitgehend auf sich selbst gestellt errang. Sie bietet ein seltenes Beispiel von sozialem Aufstieg:


Als Tochter armer Wirtsleute vom Lande ohne Schulbildung wurde sie schließlich zur befreundeten Kollegin berühmter Schriftsteller und Schützling des Berliner Hofes. Ein Schulrektor fördert sie, und protestantische Geistliche ermöglichen ihr 1755, nach Glogau überzusiedeln. Ihre ersten Gedichte erscheinen als Flugblätter und verbreiten ihren Ruf als Dichterin. Vor allem die Gesänge zum Siebenjährigen Krieg begründen ihren Ruhm. Moses Mendelsohn lobt sie begeistert und nennt sie ein "ungemeines Genie".

Ein Gönner, Baron von Kottwitz, ermöglicht ihr den Umzug nach Berlin und die vornehmsten Adelshäuser der Hauptstadt öffnen sich ihr. Auch der Dichter Gleim bewundert hingerissen die "Wunderfrau" und nennt sie die deutsche Sappho, sich selbst ihren Phaon. Die Verliebte folgt ihm nach Halberstadt. Der Dichter Gleim (1719-1803) sorgte 1764 für die Veröffentlichung ihrer Gedichte. Ihre leidenschaftliche Liebe zu Gleim blieb allerdings unerwidert. Trotzdem bleiben die beiden lebenslang befreundet.

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8.7.14

Leopold Bloom: Dublin - Feldkirch - Triest retour.


Es ist der 16. Juni 1904 von 8 Uhr früh bis drei Uhr morgens im Leben des Leopold Bloom, den James Joyce in "Ulysses" ein buchlang auf 1.100 Seiten beschreibt. "Ulysses" gilt als der bedeutendste Roman des 20. Jahrhunderts. Diesen Tag nennt man heute "Bloomsday" und er ist ein traditionsreicher Tag für Joyce-Fans in aller Welt.



Dort drüben auf den Schienen wurde 1915 das Schicksal des Ulysses entschieden. Der 16. Juni ist für Millionen von Menschen ein besonderer Tag. An jenem Tag im Jahre 1904 haben Stephen Dedalus und Leopold Bloom in James Joyces Ulysses, dem bedeutendsten modernen Roman der Welt, ihre abenteuerlichen Reisen durch Dublin unternommen. Diesen Tag nennt man heute "Bloomsday", und er ist ein traditionsreicher Tag für Joyce-Fans in aller Welt. Von Tokio bis Sydney, San Francisco bis Buffalo, Triest bis Paris feiern Dutzende Städte rund um den Erdball ihre eigenen Bloomsday-Feste.


Feldkirch. Während des Ersten Weltkrieges wurde Joyce 1915 auf der Fahrt von Triest nach Zürich am Bahnhof Feldkirch einer Kontrolle unterzogen. Unter den besonderen Umständen des Krieges bestand die Gefahr, dass er, ähnlich seinem Bruder Stanislaus, verhaftet würde. Wäre das der Fall gewesen, so hätte Joyce seinen "Ulysses" wohl nicht so geschrieben. Während des späteren Aufenthaltes 1932 in Feldkirch sagte Joyce selbst, dass sein "Ulysses" untrennbar mit Feldkirch verknüpft sei: "Dort drüben auf den Schienen wurde 1915 das Schicksal des Ulysses entschieden" ("Over there, on those tracks the fate of 'Ulysses' was decided in 1915").


In den Zürcher Jahren zwischen 1915 und 1922 entstand ein großer Teil des Romans. Der Wiener Germanist Andreas Weigel hat sich mit den Österreich- Aufenthalten (also auch jenen in Feldkirch) von James Joyce auseinandergesetzt. Seiner Anregung und standhaften Intervention ist es zu danken, dass am 16. Juni 2004 in Feldkirch die Löwen-Passage in James-Joyce-Passage umgetauft wurde. Im ehemaligen Hotel Löwen hatte Joyce einen Monat an Finnegans Wake gearbeitet.

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10.6.14

[ #geschichte ] Der kaiserliche Rinnstein für das soziale Elend

Der Weber" von Max Liebermann 
Kaiser Wilhelm II. schätzte den „sozialdemokratischen“ Dichter und Nobelpreisträger Gerhart Hauptmann nicht.  Nach der Uraufführung der "Die Weber" am 2. Oktober 1893 kündigte der Kaiser Wilhelm II. gar aus Protest seine Loge im Deutschen Theater. 

Gegen die Verleihung des Schillerpreises an Hauptmann legte er 1896 sein Veto ein. Auf Betreiben seines Sohnes, des Kronprinzen Wilhelm, wurde 1913 in Breslau Hauptmanns Festspiel in deutschen Reimen abgesetzt, weil darin das hundertjährige Jubiläum der Befreiungskriege nicht mit Hurrapatriotismus begangen, sondern mit pazifistischen Akzenten versehen wurde.



Gerhart Hauptmanns "Die Weber" spielt sich in "Dreissigers Parchentfabrik" ab, die Anlehnung an den Fabrikanten Zwanziger wohl bewusst vorgenommen. Uraufgeführt wurde das Stück am 26. Februar 1893 nur "privat" im Neuen Theater Berlin. Die erste öffentliche Aufführung folgt erst am 25. September 1894 im Deutschen Theater Berlin. Die Wilhelminischen Zensurbehörden versuchten, die Aufführung der "Weber" mit der Begründung zu verhindern, die im Drama enthaltenen Schilderungen seien dazu angetan, Klassenhass zu erzeugen und könnten zu "einem Anziehungspunkt für den zu Demonstrationen geneigten Teil der Bevölkerung Berlins" werden. Es bedurfte langer gerichtlicher Auseinandersetzungen, ehe das Kgl. Preußische Oberverwaltungsgericht das Verbot der "Weber" aufhob.



Wilhelm II. Er trotzte - bekannt als sturrköpfig, kultur- und bürgerfeindlich - dem Gerichtsentscheid: Wegen der "demoralisierenden Tendenz" der "Weber" kündigte er die kaiserliche Loge im Deutschen Theater. Bereits Webers erstes Stück "Vor Sonnenaufgang" (1889), das den moralischen Verfall mehrerer Bauernfamilien zeigt, die plötzlich zu Wohlstand gelangt sind, als auf ihrem Land Kohlevorkommen entdeckt wurden, führte zu einem Skandal und wurde verboten. Sein Fünfakter "Die Weber" (1892) wurde damals gar als revolutionär aufgefasst. An seinem 50. Geburtstag am 15.11.1912 erhält der Bühnenautor Gerhart Hauptmann per Telegramm die Nachricht, dass ihm der Nobelpreis für Literatur zuerkannt worden ist. Aus aller Welt kommt eine Flut von Glückwünschen, aber die deutsche Obrigkeit schweigt noch immer beleidigt dazu, denn Hauptmann wird für Werke geehrt, die soziale Missstände im kaiserlichen Deutschland bloßstellen. Bald aber zählt der "Revolutionär" zu den Etablierten, wird als Volksdichter gefeiert, doch im Kaiserreich wird ihm von "Allerhöchster Stelle" der Schiller-Preis verweigert.

Rinnsteinkunst. Gegen das konventionelle Kunstverständnis Kaiser Wilhelms II., der von 1898 bis 1901 an der Berliner Siegesallee 32 monumentale Skulpturengruppen aus der brandenburgisch-preußischen Geschichte aufstellen ließ, opponierten viele Avantgarde-Künstler mit ihren Darstellungen aus der Alltagswelt. Von der Berliner Bevölkerung wurde die sogenannte "Siegesallee" als Puppenallee belächelt. Mit der "Rinnsteinrede" zur Eröffnung der Siegesallee am 18. Dezember 1901 hatte der Kaiser die kritischen Reaktionen verstärkt. Sein Verdikt, die künstlerische Moderne sei in den Rinnstein niedergestiegen, da sie das Elend noch scheußlicher hinstelle als es schon sei, wandte sich gegen sogenannte moderne Richtungen und Strömungen. Durch die nachträgliche Veröffentlichung bekam diese Rede eine offizielle Note und verordnete den Kunstgeschmack unter dem Beifall der Konformisten und Konservativen mit höchster Autorität von oben.

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19.5.14

[ #liebe ] Die Inkarnation als John Lennon und Yoko Ono: Liebe heilt.

Als am 10. Januar 1845 Robert Browning zum ersten Mal an die Dichterin Elizabeth Barrett schreibt "Ich liebe Ihre Gedichte von ganzem Herzen - und Sie liebe ich auch", da sollte eine Liebesgeschichte beginnen, die das viktorianische England bewegte. 


Elizabeth krank, ja todkrank gehalten, reagierte reserviert auf die Besuchswünsche, sie wollte sich nicht krank besichtigen und bemitleiden lassen. Aber immerhin: Während 20 Monate wechselten 573 Briefe zwischen den beiden, also wohl an jedem Tage einer. An jenem 20. Mai 1845, da er sich den Zutritt ins verdunkelte Krankenzimmer der Elizabeth Browning endlich erwirkte, da saß in einem Lehnsessel eine schwerkranke, fahle, kraft- und fast körperlose in indische Seidenschals gehüllte Dame. Elizabeth Barrett galt als sterbenskrank, litt unter Schmerzen die nur mit Opium zu lindern waren. Ursache dafür war ein Reitunfall und eine gleichzeitige Lungenerkrankung in Kindesjahren.


Diese Flucht vor allem hat als Skandal und Sensation, aber auch als romantisches Abenteuer die Gemüter erregt, die Phantasie der Leser beschäftigt. Auch die der Dichter, Virginia Woolf etwa hat diese Geschichte in ihrem Roman "Flush" beschrieben, in dem sie aus der Perspektive des Hundes Flush die Liebe und Ehe seiner Herrin berichten lässt. Flush erweist sich als der angemessene Berichterstatter, amoralisch und den Gesetzen der britischen Gesellschaft ohnehin fremd, aber vertraut mit allem, was sich seinen scharfen Sinnen so zeigt.


Inkarnation. Selbst John Lennon und Yoko Ono waren von der Liebesgeschichte beeindruckt und Yoko Ono wird mit den Worten zitiert: "John und ich glaubten immer, dass wir vielleicht eine Reinkarnation von Robert und Liz sind". Zwei der bewegendsten Songs auf der LP "Milk and Honey", Johns "Grow Old with Me" beruft sich auf Robert Browning ("Grow Old Beside Me") und Yokos "Let Me Count the Ways" beruft sich auf Elizabeth Barrett Browning (Let Me Count the Ways).

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12.5.14

[ #dichtung ] Widernatürliche Schweinereien.

Zum 50. Geburtstag (2.Mai) von Gottfried Benn erscheint der Band "Ausgewählte Gedichte", die von der SS-Zeitschrift "Das Schwarze Korps" am 7. Mai als "Perversion" und "widernatürliche Schweinereien" attackiert werden. 

Im Dezember 1937 erscheint eine neue Ausgabe der Ausgewählten Gedichte, die "gereinigt" und "bereinigt" ist. Nichtsdestotrotz wird Gottfried Benn 1938 aus der Reichsschrifttumskammer ausgeschlossen und mit Schreibverbot belegt.


Wie verworren das Bild ist, das wir uns machen zeigt folgender Umstand: Als Max Herrmann-Neisse in der linksorientierten "Neuen Bücherschau" 1929 einen lobenden Artikel über Gottfried Benn veröffentlicht, treten die Mitherausgeber Kisch und Johannes R. Becher aus dem Redaktionskollektiv aus. Kisch wehrt sich vehement gegen eine Trennung von Politik und Literatur und bejaht trotzig den abschätzig gemeinten Vorwurf, ein "literarischer Lieferant politischen Propagandamaterials" zu sein. Benn tituliert er als einen "sorgfältig Weltfremden und eifrig Unverständlichen" und als einen "in seine krankhaften (schizophrenen) Hemmungen eingesponnenen Snob". Benn geifert dagegen das "Schnalzen und Schnaufen des rasenden Reporters".


1932 wurde Gottfried Benn ausgerechnet auf Vorschlag Heinrich Manns in die Sektion Dichtkunst der Preußischen Akademie der Künste gewählt. Benn begrüßte dann auch 1933 den Nationalsozialismus ("Der neue Staat und die Intellektuellen", Essay, 1933; "Kunst und Macht", Essay, 1934), in dem er, ein an sich unpolitischer Mensch, eine Macht sah, die dem europäischen Intellektualismus den Kampf ansagte.


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